Der Wahnsinn der Hektik

Ich hatte das Glück und Vergnügen für ein paar Monate in einem sehr erfolgreichen und renommierten Technologie-Unternehmen zu arbeiten. Das Unternehmen hat öfter schon seine Besitzer gewechselt und wird nun von einem ausländischen Investor kontrolliert.

Börsennotierte Unternehmen haben bekanntermaßen die Angewohnheit ihren EBITDA zu optimieren, wogegen natürlich nichts zu sagen ist.  Ein gesunder EBITDA ist die größte Lebensversicherung eines Unternehmens und seiner beteiligten Mitarbeiter überhaupt.

Jetzt rede ich natürlich nicht von einem optimalen EBITDA, sofern es ihn überhaupt gibt, sondern von einem gesunden EBITDA.  Hier gibt es in der Unternehmerbranche sowieso völlig unterschiedliche Ansichten.  Das reicht von „Maximierung des EBITDA“  (wie z.B. die meisten börsennotierten Unternehmen) über das Modell GE zu Zeiten von Jack Welch  (lieber maßvolle, aber dafür kontinuierliche Gewinne)  bis hin zu Leuten wie Götz W. Werner der solche Sätze sagt,  „Wenn am Ende des Jahres ein großer Gewinn herausspringt, dann hat das Unternehmen etwas falsch gemacht – dann hat es zuwenig in die Zukunft und die Mitarbeiter investiert.“

Im eingangs erwähnten Fall hat man es also mit der ersten Kategorie zu tun.

Was mich hier besonders beschäftigt, ist die Tatsache, dass man von einem Tag auf den anderen erlebt, wie gehobene Führungskräfte sehr nervös agieren, von einem dringlichen Meeting zum nächsten hetzen und plötzlich nur noch Themen wie „Kürzung“, „Optimierung“, „wir müssen Dinge stoppen“ etc. zu hören sind.

Die Hektik bricht aus und ich frage mich als Zuschauer immer wieder, warum die Menschen sich das immer wieder antun?

Einverstanden – in jedem Unternehmen steckt Optimierungspotential.

Als Josef Ackermann nach seiner Zeit bei der Deutschen Bank bei der Züricher Versicherung als Aufsichtsrat mit diesem Glauben antrat, hat es einen seiner Vorstände in den Suizid getrieben.

Ich verstehe bis heute nicht, warum man glaubt, Unternehmen immer unter Druck setzen zu müssen, damit etwas kurzfristig herauskommt.

Da sitze ich dann nämlich mit einem Führungsteam zusammen, das sich u.a. vorgenommen hatte, in diesem Jahr mehrere neue innovative Geschäftsideen zu entwickeln und die dann ernsthaft darüber nachdenken, dieses Ziel zur Gänze bleiben zu lassen, weil es nicht zur Optimierungshektik von oben passt.

Vielleicht ist es ja wirklich notwendig, den Gürtel enger zu schnallen, aber offensichtlich wird so viel Panik verbreitet, dass auch in Panik wichtige, aber weniger dringliche Dinge sofort gestoppt werden.

Ich stell mir also dann vor, das beschriebene Führungsteam setzt die Entwicklung von mehreren innovativen Geschäftsideen aus, dann sehe ich die gleichen Investoren und die armen Vorstände ein Jahr später sich die EBITDA- Zahlen anschauen und die werden dann wieder nicht zufriedenstellend sein.

Dann wird der Vorstand auf sein eigenes Führungsteam schauen und dieses wird denken:  „ja, wenn wir letztes Jahr mal die mehreren innovativen Geschäftsideen hätten entwickeln können……“

Ich werde langsam müde zuzuschauen, wie Unternehmen es einfach nicht schaffen, eine halbwegs gesunde Balance zwischen kurzfristigen Ergebnissen und dem Ausbau des Wurzelwerkes, welches den Erfolg von morgen sichert und auch dafür sorgt, dass das Unternehmen im Sturm nicht gleich umkippt, zu erreichen.

Der Kern von Effektivität besteht nämlich darin, dass wir die Ergebnisse, die wir HEUTE anstreben, auf eine Art und Weise erzielen, dass wir IN ZUKUNFT noch bessere Ergebnisse erreichen können.

Hier bleiben für eine gesunde Zukunft und Wirtschaft aber nur folgende Schlussfolgerungen:

  • Die ungeduldigen Investoren müssten vernünftiger werden.
  • Die Vorstände müssten mutiger Widerstand leisten und sich nie einen gesunden Teil Effektivität vom Brot nehmen lassen
  • Die mittleren wirklich guten Führungskräfte sollten schneller sich wirklich guten Unternehmen zuwenden  (aber auch das trauen sich leider zuwenig)

Wenn ich diese drei Punkte lese, dann muss ich selbst schmunzeln über meinen Rest-Idealismus bezüglicher einer wirklich gesunden Unternehmensentwicklung!

Dass ich mit diesem Erlebnis nicht alleine stehe, zeigt ein Auszug aus Spiegel-Online:

„Der ehemalige Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger glaubt, dass die Führungskultur in vielen Unternehmen deren Zukunft gefährdet. „Deutsche Unternehmen sind viel stärker auf pure Effizienz fixiert als etwa angelsächsische oder skandinavische“, sagte Sattelberger im Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL. Ertragsziele würden oft exzessiv bis auf die unterste Ebene durchgestellt. „Da bleiben kaum Freiräume für die Mitarbeiter, neue Wege zu suchen“, so Sattelberger. „

Na dann….   nur weiter so!

 

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