Ist die Produktivität über Technologie weiter steigerbar?

Ich oute mich heute mal wieder!  Seit gestern trage ich eine Apple Watch an meinem Handgelenk und erwarte natürlich, dass sie mein Leben völlig zum Positiven entwickelt! Nach einem Tag lässt sich schon sagen: Das wird wohl nix! 

Technologie ist im Grunde immer ein Heilsversprechen. Zweifellos haben viele Technologien unglaubliche Produktivitätsschübe vollbracht. Ich wohne auf dem Land und kein Mensch käme mehr auf die Idee, die großen Wiesen noch mit einer Sense zu bearbeiten. Vielmehr beobachte ich Riesen-Trecker, die binnen zwei Stunden Riesenareale  an Wiesen wie einen englischen Rasen sauber abmähen.

Das ist Produktivitätszuwachs in Reinkultur. Was früher 10 Leute in 3 Tagen geschafft haben, schafft heute ein einzelner Mensch in zwei Stunden. Von der automatischen Nachbearbeitung mal ganz zu schweigen.

Den ersten Produktivitätsschub gab es vor ca 300 Jahren mit der Fortentwicklung vieler Werkzeuge.  Den zweiten riesigen Produktivitätsschub gab es mit der Industrialisierung und der Einführung von Maschinenbau (Incl. Fahrzeuge) und Elektrotechnik.  Die dritte große technische Revolution vollzieht sich mit der Mikroelektronik und der vollständigen Digitalisierung unserer Welt.

Doch wird diese dritte Phase einen ähnlichen Produktivitätsschub nach sich ziehen, wie die beiden Phasen zuvor?

Das ist bis dato wohl eindeutig mit NEIN zu beantworten.  Im Gegenteil. Alle Produktivitätsstudien in den Industrieländern der letzten Zeit zeigen eher einen Trend nach unten (!) – und das schon seit über zehn Jahren.

Jetzt gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder der Riesenschub lässt einfach auf sich warten (auch die früheren Schübe haben Jahrzehnte zur wahren Entfaltung benötigt) – oder er wird einfach ausbleiben — zumindest solange nicht wirklich etwas gewaltig Neues entwickelt wird.   Die lieben elektronischen Helferlein scheinen zumindest in Hinsicht von Produktivität nicht sonderlich viel zu bewirken. Eher im Gegenteil.

Ein Spaßvogel hat in einem meiner Seminar einmal gesagt, Beethoven hätte vermutlich niemals eine Symphonie zu Ende gebracht, wenn er damals schon ein Smartphone gehabt hätte.

Manager verbringen heute statistisch zwischen zwei und vier Stunden täglich mit E-Mail-Bearbeitung. Und jeder dieser Produktivitätsstreber weiß im Grunde genau, dass über 80% aller E-Mails unwichtig sind.

Der limitierende Faktor für die Produktivitätszuwächse ist wohl unser Gehirn. Es ist entweder noch nicht angepasst – oder gar nicht fähig – sich in dem Digital-Dschungel effektiv zurecht zu finden. Im Grunde sind wir alle überfordert und gar nicht in der Lage, die Möglichkeiten, die sich hier eröffnen, produktiv zu nutzen.

Produktivität geht einher mit dem Glauben, „mit weniger Einsatz die Ergebnisse schneller und einfacher zu erreichen“.   Es ist schon paradox. Denn die Digitalisierung macht Informationsflüsse tatsächlich schneller und trotzdem bleiben die messbaren Effekte aus.

Ein Brief brauchte früher 2-3 Tage bis zur Zustellung. Heute geht das in Sekundenbruchteilen. Dafür überschwemmen wir uns mit schnellen Mails und What’s App Nachrichten und machen die Vorteile alle wieder zunichte.

Eigentlich ist das lustig – finden Sie nicht auch?  Wie gewonnen – so zerronnen.  Das scheint eines der Grundgesetze dieser Welt und Natur zu sein.

Dabei liegt das Potential zur Steigerung der Produktivität primär bei jedem selbst. Haben Sie nicht auch gestern wieder einen Tatort angeschaut und sich hinterher gefragt, ob sich das jetzt gelohnt hätte?   Oder was glauben Sie, wie viel Prozent der Menschen nach einem anstrengenden Tag nach Hause gehen mit dem Gefühl zwar sehr beschäftigt gewesen zu sein, aber nicht die wirklich wichtigen Dinge erledigt zu haben.?

Ich habe vorgestern gerade eine herrliche Diskussion mit Nachbar Wulf gehabt, über den Sinn und Unsinn sich selbst füllender Kühlschränke, welche früher oder später den Konsumkunden angedreht werden.  (Übrigens: wenn er herrschen würde, wäre die erste Maßnahme von ihm, das Internet abzuschaffen)  Der einzige Produktivitätsvorteil für die Käufer wird darin liegen, dass sie keine Zeit mit Einkaufen mehr verwenden müssen.

Es fragt sich dann aber, womit diese Menschen die gesparte Zeit verbringen? Auf jeden Fall wird ein Gutteil der Zeit drauf gehen, sich mit dem Kühlschrank selbst zu beschäftigen, so wie man in Gutsherrenzeiten sich mit der Haushälterin hat beschäftigen müssen, damit alles so läuft, wie man es gerne hätte.

Die Digitalisierung löst die Arbeit ja nicht in Luft auf – diese wird nur durch elektronische Helfer ersetzt und die bedürfen wieder jeder Menge Aufmerksamkeit.
Also zurück zu den wirklich wirkungsvolleren Methoden, die wir ein ums andere Mal bereits betrachtet haben…  (Methode 1, Methode 2, Methode 3….)

Was passiert jetzt aber mit meiner Apple Watch?  Ich habe schon darüber nachgedacht, sie  gleich weiterzuverkaufen.  Vermutlich werde ich das aber erst einmal nicht tun, denn mein Spielkind in mir hat seine helle Freude daran.

So ist das eben..

 

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