Rohrkrepierer

Großbritannien hat heute verkündet, dass sie keine finanzielle Unterstützung für das neue Hilfspaket an die Griechen leisten werden, mit dem Beisatz „Das ist ein Rohrkrepierer!“

Die Haltung der Briten gefällt mir insofern, weil die Wahrscheinlichkeit, dass sich die gefundene jüngste Lösung in dieser unsäglichen Auseinandersetzung tatsächlich als Rohrkrepierer herausstellt, extrem hoch ist.  Das hat plausible Gründe.

In meinem Berufsleben trifft man immer und immer wieder auf ein großes Wort, welches mit P anfängt und mit artnerschaft aufhört. So sehr ich die Bedeutung dieses Wortes liebe, so sehr verabscheue ich mittlerweile die Verwendung dieses Wortes in der Wirtschaft und in der Politik.

Es gibt ein wirklich bedeutendes Unternehmen in Österreich, welches sich erlaubt, einen ihrer drei Kernwerte „Partnerschaft“ zu nennen. Das sieht dann konkret so aus, dass man nach über zehn Jahren erfolgreicher Projektzusammenarbeit mit diesem Unternehmen eines Tages einem Einkäufer gegenüber sitzt, der einem kalt lächelnd verkündet (nachdem man mit seinem 3-köpfigen Projektteam bereits auf Vertrauensbasis drei Monate Prozessoptimierungsarbeit geleistet hat) „Herr Maron, entweder Sie reduzieren Ihre Tagessätze um 50%, oder sie können die Bezahlung der letzten drei Monate Ihres Teams vergessen.“

Oder nehmen wir das Thema „IT-Outsourcing“ – das Business mit dem ich groß geworden bin. Da sitzt man sich mit dem Kunden gegenüber und redet ständig von Partnerschaft, während in unseren Anbieter-Köpfen nur Worte wie „großer Umsatz bei viel Profit auf Dauer“ etc. umherschwirrten, und unser Kunde so Dinge wie „Kosteneinsparung bei höherer Qualität“ etc. im eigentlichen Sinn hat. Der alte bekannte Unterschied zwischen VERHANDLUNGSPOSITION und TATSÄCHLICHER ABSICHT. (Anmerkung: nach über 10 Jahren im Outsourcing-Business habe ich viele Outsourcing-Deals erlebt, aber niemals eine gegenseitig befruchtende Partnerschaft)

Wir Menschen lügen angeblich permanent – so auch in Verhandlungen im Business. Alle wollen Partnerschaften, weil man weiß, dass sie auf Dauer besser sind, als alleine zu werkeln – aber wir wollen immer nur einseitig die Vorteile daraus ziehen und sind nicht bereit, den Preis für eine gute Partnerschaft zu zahlen.

Eine gute Partnerschaft fusst auf einem Prinzip, wie: „eine langfristige Beziehung erfordert gegenseitigen Respekt und gegenseitigen Nutzen“.

Dieser Satz kommt so unspektakulär daher – aber in der Praxis heißt das auf der praktischen Verhaltensebene „Think WIN-WIN“ – zu Deutsch: „ich will gewinnen, aber Du sollst auch gewinnen“. (Die Kenner der „7 Habits“ von Covey erkennen hier den Habit Nr. 4 wieder).

Jetzt stelle ich mir mal vor, der erwähnte Einkäufer wäre nicht mit einer „WIN-LOSE-Haltung“ in das Gespräch gegangen, sondern hätte eine „WIN-WIN-Haltung“ an den Tag gelegt. Malen Sie sich mal kurz aus, wie er sich mir gegenüber dann verhalten hätte…..

<Denkpause>

Sie können sich vorstellen, dass sein Verhalten ein anderes gewesen wäre und auch das Verhandlungsergebnis wäre ein völlig anderes geworden. Aber mit seiner rigiden „WIN-LOSE-Haltung“ haben wir nicht mehr als einen Rohrkrepierer (sprich „ganz schlechter Kompromiss“) produziert und die Geschäftsbeziehung ist seit dem so gut wie zum Erliegen gekommen.

Viele Politiker und Manager sind glücklich über Kompromisse. Ich habe an anderer Stelle aber schon einmal den guten alten Henry Kissinger zitiert, der mal erwähnte, woran man einen guten Kompromiss erkennen könne: „Daran, dass beide Seiten gleich unzufrieden sind!“

Im Griechen-Drama werden Kompromisse erzielt, deren Qualität so schlecht sind, dass sie vermutlich zu Rohrkrepierern mutieren – sprich: das Ergebnis ist mies und die Beziehungsqualität unter allen Beteiligten ist schlechter als vorher.

Und woran liegt das?

Weil ständig über die europäische Partnerschaft gefaselt wird, aber keiner der Parteien – weder die griechische Regierung, noch die Geldgeber – eine WIN-WIN-Haltung an den Tag legen. Fast jedes Land will  bei Europa dabei sein, aber nur, um die Vorteile für sich herauszuziehen (s.u.a. Großbritannien, Ungarn, Polen etc. etc.).

Die wahren Absichten der Griechen ist vermutlich „Wir brauchen dringend die Kohle, wollen uns aber – wenn wir mal ganz ehrlich sind – überhaupt nicht ändern!“ Die wahren Absichten der Geldgeber ist vermutlich „Wir wollen nur unsere Kohle verzinst zurück und wollen Ruhe in unserem europäischen Laden haben.“

Mal angenommen, diese beiden Haltungen entsprechen einigermaßen der Realität – was ja keiner offen zugibt – dann sind das keine „WIN-WIN-Haltungen“, sondern reine „einseitige WIN-Haltungen“. Eine WIN-Haltung heißt übersetzt: „Ich will gewinnen – that’s it“.

Erinnern Sie sich noch an die Begründungen der Amerikaner und Chinesen, warum sie ihre Unterschrift unter das Kyoto-Abkommen verweigert haben? „Das gefährdet unserer Wirtschaft“. Na toll, und dass die Malediven in den nächsten Jahren absaufen, ist ihnen hinreichend egal. (Interessanterweise müssen die Amerikaner feststellen, dass die Kosten aufgrund gravierender Unwetter dramatisch zunimmt..)

In Wahrheit glaubt wohl niemand, dass die jüngste Lösung mit Griechenland erfolgversprechend ist. Keiner glaubt wirklich daran, dass die Griechen die Vorgaben umsetzen werden. Die sozialistische Regierung in Griechenland wird es wohl innerlich zerreissen. Es wird wieder Neuwahlen geben – die Verhandlungspartner werden Neue sein die sich an die früheren Verhandlungsergebnisse nicht gebunden fühlen – die europäischen Steuergelder für das Hilfspaket werden im Nirwana verschwinden und das Vertrauen in die nationalen Regierungen in Deutschland und anderswo geht weiter den Bach hinunter.

Alle verlieren! Und das ist mal wieder die traurige Erkenntnis, wie unreif wir Menschen in Wahrheit immer noch sind.

Dabei haben wir alle das gleiche Ziel auf diesem Planeten: dass es uns gut geht.

Aber wie viele Rohrkrepierer benötigt es noch, bis Mensch erkennt, dass es nur mit einer wahren „WIN-WIN-Haltung“ geht?

Bevor Sie also morgen wieder in ein Meeting oder eine Verhandlung mit Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern, Kollegen, Ehefrau/Ehemann, Partner, Kind, etc. gehen — checken Sie vorher für ein paar Sekunden ihre wahre Absicht: „WIN-WIN“ oder doch wieder „nur“ „einseitig-WIN“?

Sparen wir schon mal für die nächste Steuererhöhung.

EmailFacebook0Twitter0Google+0LinkedIn0
Dieser Beitrag wurde unter Leadership, Vertrauen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.