Führungsgewohnheit #2 – oder wie man es genau nicht macht

Gerade habe ich wieder einmal die Herausforderung, meine Emotionen in Schach zu halten und die gute alte Pausentaste zu drücken, bevor ich meinem Ärger womöglich noch in Richtung meines Umfelds lautstark und destruktiv Luft verschaffe.

Wo kommt der Reiz her?

Der Reiz liegt in der Verfolgung der Politiker-Aussagen hinsichtlich der aktuellen Impfsituation.

Um es kurz vorweg zu schicken. Mir sind unsere Politiker allesamt lieber, als die meisten Länderfürsten, denen Vertrauenswürdigkeit ein Fremdwort ist.

Wir wissen ja, dass Vertrauenswürdigkeit die Kombination aus Charakter und Kompetenz ist. Am Charakter habe ich bei uns wenig auszusetzen. Da sind ganz wenig dabei, deren Absichten korrupt und egoistisch sind. Die meisten stellen sich wirklich in den Dienst des Landes und versuchen was sie können.

Leider hapert es hierzulande schlicht an der Kompetenz. Und was mich besonders bewegt, ist die Tatsache, dass die aus meiner Sicht fehlenden Hauptkompetenzen gar nicht so schwierig zu erlernen wären.

Ich bin selbst von Haus aus Maschinenbauer und Produktionstechniker und um eine vollständig funktionierende Logistikkette für ein neues Produkt in riesigen Mengen zu gewährleisten, kann es u.U. sogar länger dauern, als einen Impfstoff selbst zu entwickeln (die Testphasen einmal nicht mitgerechnet).

Die zwei fehlenden Kompetenzen unserer großen Bundes- und Landes-Führungskräfte liegen aus meiner Sicht in den Themen „vorbereitet sein“ und – wie auch anders mal wieder – „Kommunikation„.

Jeder der die Pflichtlektüre für gute Führungskräfte kennt („The 7 Habits of Highly Effective People“), kennt auch die zweite Gewohnheit: „Am Anfang das Ende im Sinn haben“.

Effektive Menschen denken Dinge bestmöglich zu Ende, bevor sie mit einem Projekt beginnen und das hat eben etwas mit Vorbereitung und Planung zu tun.

Es tun alle mal wieder so, als wäre die schnelle und breite Versorgung der Bevölkerung mit Impfstoff wie ein Blitz auf uns herabgefahren. Klar – in Hektik läuft nichts rund – und gerade läuft nichts rund.

Aber wir sind jetzt im 13. Monat der Pandemie und dass Impfstoffe entwickelt werden, wussten wir auch schon seit über 11 Monaten und dass sie kommen auch und dass sie gekauft, transportiert, verteilt und verimpft gehören auch.

Und warum war es nicht möglich, in Ruhe im Sommer einen Masterplan zu entwickeln? Unsere Führungskräfte im Bund und Land stehen alle da wie die Deppen und das zu Recht.

Wenn das die erste Krise wäre, dann könnte man noch darüber hinweg sehen. Aber 2015 hatten wir das gleiche Spiel!

Seit Jahren ist klar, dass es einen Run von Afrika und allen weiteren Kriegsgebieten auf Europa geben wird. Ob in Studien oder Büchern – gleichgültig. Wir wussten, die Welle kommt. Und dann war sie da und keiner hatte einen Plan.

Eine Führungskraft, die den zweiten Weg beherrscht (Am Anfang das Ende im Sinn haben), wird in den seltensten Fällen auf dem falschen Fuß erwischt. Dinge eskalieren weniger und das hat wieder Auswirkungen auf die Qualität der Kommunikation.

Schon in meinen frühen Jahren als Rechenzentrumsleiter hatte ich stets einen sogenannten „Contingency-Plan“ in der Schublade für die Fälle, dass irgendein außergewöhnliches Ereignis eintritt, welches den regulären Betrieb einer Firma (oder eines Staates) gefährden könnte.

Wir verfügen über die Gabe der Vorstellungskraft und wir nutzen sie zu wenig. Man nimmt sich nicht die Zeit und hat wohl auch nicht den Mut, die richtigen Menschen zusammen zu schließen, um gute Masterpläne zu entwickeln.

Anmerkung: für all diejenigen, die glauben, Masterpläne wäre old-fashioned und von agilen Methoden vollständig abgeschafft, der sollte einmal probieren, das Logistikproblem der Verimpfung agil zu lösen.

Das zweite Grundproblem ist mal wieder die Kommunikation. Es ist bitter zu sehen, wie die Angst der Führungskräfte, die Motivation der Bevölkerung zu verlieren, sie dazu treibt nebulöse und unhaltbare Äußerungen zu treffen.

Menschen erwarten keine Wunder, sie wollen Verlässlichkeit.

Und wieder lese ich heute eine Aussage der Kanzlerin: „bis zum Sommer kann jedem Bürger ein Impfangebot gemacht werden“.

Ein Beruhigungspille mit einer Wirkung von maximal zwei Tagen würde ich schätzen.

„Bis zum Sommer“ ist ein sehr dehnbarer Begriff. „Jedem Bürger“ – sind Kinder jetzt inkludiert oder gilt das nur für Erwachsene?. „ein Impfangebot machen“ – das könnte auch bedeuten, ich bekomme am 30. September 2021 einen Impftermin für März 2022 zugewiesen – damit hätte die Kanzlerin noch nicht einmal gelogen.

„Unklarheit erzeugt Stress“ – eine alte Weisheit und selten war sie so treffend wie in den jetzigen Tagen.

Ich weiß, ich weiß. Keiner von uns wollte wirklich in der Haut der Politiker stecken. Selbst inhaltlich völlig inkompetent. Auf Berater angewiesen, die sich auch nicht einig sind. Kein Fehler beim Wahlvolk machen zu wollen. etc etc.

Aber sie fühlen sich kompetent genug, ein Land führen zu können und das war auch ihre eigene Entscheidung.

Warum kennen nur so wenige Führungskräfte die „7 Wege zur Effektivität“ und können sie auch wenigstens in Ansätzen zumindest in kritischen Situation auch anwenden?

Für alle Leser, die jetzt natürlich keine Politiker sind, sondern Führungsaufgaben in der Wirtschaft haben: kann man sich genüsslich über die Politiker aufregen oder amüsieren oder wie fit sind Sie selbst darin, ….

  • Habitus 2: „Am Anfang das Ende im Sinn haben“ oder
  • Habitus 5: „Erst verstehen, um verstanden zu werden…“

Selten waren die „7 Habits“ wichtiger als heute…

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