Eine Reise mit der Queen Mary 2 – oder – was man von einem guten Kapitän lernen kann

Gerade befinde ich mich zum ersten Mal auf einer Transatlantiktour nach New York. Sechs volle Tage auf hoher See, bevor man wieder festen Boden unter seinen Füßen hat.

Nach vielen Jahren ist das die erste echte Erfahrung in Bezug auf “Abschaltung”. Bedingt durch die sündhaft teure Internet-Satellitenverbindung ist man hier temporär abgeschnitten von dem täglichen Bombardement ablenkender Informationen.

Aber über diesen sehr gesunden Aspekt der Reise möchte ich heute gar nicht schreiben.

Mich beeindruckt einmal mehr ein gutes Beispiel von guter Führung. Ich halte mich sehr sensibel für die Qualität meiner Umgebung und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich mich als Gast an Bord sehr sicher fühle. Dieses Gefühl des Wohlbefindens hat sehr viel mit den wesentlichen Aspekten guter Führung zu tun.

Aspekt 1: Vertrauen

Dieses komplexe Spiel beginnt ganz simpel mit dem Kapitän selbst. Christopher Wells ist ein hochkompetenter Seemann, der gleichzeitig nahbar und sehr kommunikativ ist. Seine täglichen Ansprachen zur Lage an Bord kurz nach 12 Uhr sind ein Fixpunkt des Tagesprogramms an Bord. Man hört an seiner Stimme und an der Offenheit mit der er spricht, welch Souveränität von ihm ausgeht. Ich weiß zwar nicht, nach welchen Leistungskriterien Kapitäne dieser Größenordnung jährlich bewertet werden, aber es ist wohl letztlich seine Entscheidung, einen südlicheren – und damit längeren – Kurs einzuschlagen, um dem Hurrikan “Louise” weitgehend auszuweichen, um die Sicherheit und das Wohlbefinden an Bord zu gewährleisten.

Wir können alle davon ausgehen, dass es auch andere Kapitäne gibt, die hier vermeintlich ökonomischere Entscheidungen treffen werden.

Aber gute Führungskräfte wissen immer, dass der Verlust an Vertrauen durch die Einsparung von einigen Gallonen Sprit niemals ausgeglichen werden können.

Aspekt 2: Klarer Auftrag

Hier muss man dem Kapitän zugestehen, dass es ihm hier sehr einfach gemacht wird. Sein Auftrag besteht natürlich darin, sein Schiff mitsamt seinen Passagieren sicher z.B. am 26. September um 06:30 nach New York zu bringen. Dieser Auftrag ist beeinflusst von der Erreichung einer maximalen Kundenzufriedenheit. Schließlich ist die CUNARD-Linie mit seinen drei Flaggschiffen nicht alleine auf einem hart umkämpften Wachstumsmarkt. Aber ist es so schwierig in einem Unternehmen für sein Team oder für die gesamte Organisation ein gleichfalls sonnenklares Ziel zu definieren und zu finden? Mitnichten!

Die beruhigende Wirkung eines klaren Auftrags und eines klaren Ziels ist schwer zu übertreffen!

Aspekt 3: Das Vorhandensein guter Systeme

Ein ganz wichtiger Aspekt guter Führung ist das Vorhandensein guter Systeme, die die Erreichung einer Mission überhaupt erst möglich machen. Man hat hier niemals das Gefühl, dass etwas improvisiert ist. Jeder Vorgang an Bord ist durchorganisiert. Jeder kennt seinen Verantwortungsbereich und die Systeme – insbesondere die Sicherheitssysteme – werden regelmäßig geprobt.

Wir haben uns schnell angewöhnt Kanal 45 im Kabinen-TV primär zu nutzen. Das ist das “Scoreboard” und das Informationsportal des Schiffes. Die Kommunikationssysteme liefern alle wesentlichen Informationen in Echtzeit über den Ablauf und die Rahmenbedingungen der Mission. Diese Transparenz ist elementar für das Gelingen des Vorhabens.

Aber welche Aspekte auch immer man hier aufführt – letztlich führt man sich vom Kapitän und seiner Crew gut geführt.

Der Weg zu einer guten Führungskraft bzw. der Weg zu einer gut geführten Organisation ist zwar weit und steinig, aber er ist begeh- und erlernbar.

Am Ende sind es immer ein paar wesentliche “Basics” wie die ausgewählten drei Aspekte, die den Unterschied ausmachen.

Deutschland ist Weltmeister – sind wir deshalb auch ein „Good Country“?

Es ist tatsächlich wahr geworden:  nach über 10 Jahren konsequenter Entwicklung ist man dort, wo man sein möchte – beim Weltmeistertitel im Fussball – immerhin!

Aus Sicht guter Führung ist das ein bemerkenswertes Ergebnis, denn niemand, der auch nur einen kleinen Funken Sachverstand besitzt, wird bestreiten, dass Deutschland in Sachen Fussball einen konsequenten Entwicklungsweg beschritten hat, der nun einen vorläufigen Höhepunkt erklommen hat!

Begonnen wurde das Ganze von Jürgen Klinsmann mit seiner Vision wieder Weltmeister – und zwar ein Weltmeister der Herzen, und nicht des Rumpelfussballs – werden zu können. Er hat damals Jogi Löw als seinen Chef-Trainer installiert und dieser hat die von Klinsmann eingeforderten Veränderungen im DFB konsequent zu nutzen gewusst.

Alle meine Leser wissen ja mittlerweile, dass es vier große Maximen der Führung gibt:

1. Vertrauen schaffen
2. Den Auftrag und die Vision klären
3. Hervorragende Systeme installieren und aufeinander ausrichten
4. Talente freisetzen

Alles ist Klinsmann/Löw in den letzten 10 Jahren gelungen und das Resultat können wir heute mit dickem Schädel und Schlafdefizit einfach nur würdigen!  Chapeau!

Vielleicht ergibt sich in den nächsten Wochen die Gelegenheit etwas tiefer in diese Führungsprinzipien einzusteigen und davon zu lernen.

Heute stelle ich aber eine ganz andere Frage, trotz allem Respekt, der uns fußballerisch auch international nun auch entgegengebracht wird:

Sind wir Deutschen nicht nur gute Wirtschaftler und Fußballer – sind wir eigentlich ein „gutes Land“ für diese Welt?

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